Was Familien brauchen

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Was verraten Umfragen über die familienpolitischen Aufgaben der nächsten Jahre? Pavel Jerabek und Michael Widmann geben Antworten.

Nahezu jeder Mensch gehört zu einer Familie. Knapp die Hälfte der Menschen in Deutschland lebt auch in einer Familie (Eltern und Kind/-er). Angesichts steigender Zahlen von Alleinstehenden oder kinderlosen Paaren spricht man schnell vom Bedeutungsverlust der Familie. Das ist aber eine rein demographische Betrachtung. Denn der Trend zur – gewollten oder ungewollten – Ein- oder Zweisamkeit sagt nichts über die Wertschätzung der Familie.

Familie wird der Bevölkerung immer wichtiger

So haben Trend- und Meinungsforscher durch die Analyse von vier Millionen Diskussionsbeiträgen in deutschsprachigen Social-Media-Kanälen herausgefunden, dass Familie den Menschen bei uns immer wichtiger wird. Im darauf basierenden Werte-Index 2018 verbessert sich der Wert Familie vom sechsten auf den dritten Rang. Die Natur verdrängt die Gesundheit von ihrer Spitzenposition auf Rang zwei: Natur – Gesundheit – Familie sind also die Spitzenreiter bei den Werten, danach kommen Freiheit – Sicherheit – Erfolg. „Erfolg“ und „Familie“ haben damit in der Wertehierarchie innerhalb eines Jahres die Plätze getauscht.

Wirtschaftlicher Druck wächst

Doch während immer mehr Menschen mehr Zeit mit und in der Familie verbringen und für die jüngsten wie für alte und kranke Familienmitglieder da sein wollen, wächst der wirtschaftliche Druck auf die Familien: Neun von zehn Befragten (87 Prozent!) finden, der Druck auf Familien hat eher zugenommen. 86 Prozent der Mütter und Väter sind der Meinung, Familien müssten sich heute eher dem Arbeitsmarkt anpassen als umgekehrt. Das hat eine repräsentative Umfrage der Zeitschrift „Eltern“ zusammen mit dem renommierten Forschungsinstitut Kantar Emnid herausgefunden. Geld verdienen, Karriere machen und die Kinder erziehen – es wird eher schwieriger, alles unter einen Hut zu bekommen. Nur 29 Prozent der Eltern geben an, mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf „überhaupt keine“ oder „so gut wie keine“ Probleme zu haben. 2013 lag dieser Wert noch bei 42 Prozent. „Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich in dieser Hinsicht innerhalb der vergangenen vier Jahre eine kleine Revolution vollzogen“, heißt es in der Zeitschrift „Eltern“. Wahlfreiheit? Oft Fehlanzeige. 60 Prozent der Eltern fühlen sich nicht frei in ihrer Entscheidung zwischen Job und Familie, also wann man beziehungsweise frau in den Job zurückkehrt und wie viel man dann arbeitet. Die meisten von ihnen meinen, man müsse sich für einen schnellen beruflichen Wiedereinstieg entscheiden, meist aus finanzieller Notwendigkeit. Familien haben eine genaue Vorstellung davon, wie lang sich ein Elternteil voll und ganz der Sorge und Betreuung der Kinder widmet. Mehr als die Hälfte der Eltern finden eine „Babypause“ – wir sprechen lieber von Familienvollzeit – von mindestens zwei Jahren richtig. Nur elf Prozent der Eltern wollen innerhalb des ersten halben Jahres nach der Geburt des Kindes wieder außerhäuslich arbeiten.

Leider fühlen sich sehr viele Eltern auch in der Frage, wann sie ihr Kind fremdbetreuen lassen, nicht frei: 84 Prozent der Befragten sagen, es werde von ihnen erwartet, ihr Kind möglichst früh in einer Kita abzugeben. Bei den einen ist es „Konformitätsdruck“ – von vielen Seiten wird einem eingeredet, dass man das „heute so macht“ –, bei den anderen ist es die wirtschaftliche Not – weil das Geld sonst hinten und vorne nicht reicht. Echte Wahlfreiheit ist das nicht.

Wie verteilen Eltern die Aufgaben in der Familie? Das am häufigsten gelebte Modell ist: Vater: Vollzeit, Mutter: Teilzeit. 44 Prozent machen das so. Es ist auch das am meisten gewünschte Modell. Nur 23 Prozent wünschen sich die paritätische 30-30-Lösung, also dass beide Eltern „vollzeitnah“, also jeweils etwa 30 Stunden pro Woche arbeiten und sich Kinderbetreuung und Haushalt teilen. „Erstaunlich ist“, so heißt es in der Zeitschrift „Eltern“, „wie sich die Meinungen hier geändert haben“. Bei der Wahlstudie von 2013 hätten noch 38 Prozent diese Variante zu ihrem Wunschmodell erklärt. Die Aufteilung „Mann Vollzeit, Frau nicht berufstätig“ wünschen sich 17 Prozent.

Schwesig-Modell erweist sich als Polit-Korsett

Das von der früheren Familienministerin Manuela Schwesig heftigst beworbene Konzept der Familienarbeitszeit mit vollzeitnaher Beschäftigung von Vater und Mutter erweist sich vor diesem Hintergrund als Polit-Korsett, das die Lebenswirklichkeit der meisten Familien einfach nicht trifft. Selbst das nachgebesserte Konzept, wonach Eltern jüngerer Kinder beide zwischen 26 und 36 Wochenstunden arbeiten, um in den Genuss eines „Familiengeldes“ zu kommen, scheint mehr der Wirtschaft zu dienen als den Familien. Von den in der EMNID-Studie befragten Eltern, die sich in Elternzeit befanden bzw. sich ganz der häuslichen Erziehung und Bildung der Kinder widmeten, konnten sich zwar nur die wenigsten eine Biografie ohne Berufstätigkeit vorstellen; aber nur acht (!) Prozent wollten in einen Vollzeitjob zurück.

Flexibilisierung der Arbeitswelt nötig

Das belegen übrigens auch andere Studien. Eine Untersuchung des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung kommt zu dem Ergebnis: Frauen mit Kindern zwischen drei und sechs Jahren würden (im Schnitt) gern 22 Stunden arbeiten. Welche Leistungen der Familienförderung finden Familien sehr wichtig? Am häufigsten genannt wird die kostenfreie Mitversicherung nicht berufstätiger Ehepartner in der Krankenkasse (60 Prozent finden das „sehr wichtig“). 55 Prozent der Befragten nennen ein deutlich höheres Kindergeld, 44 Prozent finden einen Rechtsanspruch auf Teilzeitarbeit sehr wichtig. Erst dann kommen der Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung (43 Prozent) und der Rechtsanspruch auf die Rückkehr in Vollzeit (42 Prozent). Die verpflichtende Ganztagsschule hat nur für 16 Prozent oberste Priorität. Fazit: Der Stellenwert des Familienlebens wächst. Aber seine Rahmenbedingungen – auch die finanziellen –, die eine freie Wahl der Lebensführung ermöglichen, bleiben eine der größten Baustellen der Familienpolitik. Die Arbeitswelt muss flexibler werden – die Familien sind es schon. Die Politik ist aufgefordert, Familien nicht zu bevormunden oder in bestimmte Lebensmodelle zu drängen. Staatliche Förderung für Familien darf nicht davon abhängig sein, wie gut und schnell Mütter wieder dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.

Egal ob man seine Kinder selbst erzieht oder sie erziehen lässt – alle Erziehungsmodelle verdienen den gleichen Respekt. Ein Ausdruck dieses Respekts ist das Betreuungsgeld, das es aber nur in Bayern gibt. Dieses gilt es weiterzuentwickeln zu einem steuer- und sozialversicherungspflichtigen Erziehungsgehalt in gleicher Höhe der Kosten eines Kita-Platzes. Das wäre nicht nur ein Beitrag zu Leistungsgerechtigkeit und echter Wahlfreiheit, sondern auch ein Mittel, um Kinderarmut zu verringern. Und ein Beitrag zur Gleichstellung obendrein.

Familienarbeit verdient Anerkennung

Es ist Zeit für eine gerechte Anerkennung der Familienarbeit, also jener Tätigkeit, die vorliegt, wenn ein Partner zeitweise auf Erwerbsarbeit verzichtet, um etwa in den ersten drei Lebensjahren des Kindes – einer besonders sensiblen kindlichen Entwicklungsphase – seiner Erziehungspflicht lieber persönlich nachzukommen. Betreuung und Erziehung sowie Pflege in der Familie sind ebenso Arbeit wie Erwerbsarbeit und müssen angemessen honoriert werden. Neben der Politik sind hier auch die gefordert, indem sie diesen Familien unter die Arme greifen und damit auch ein Bekenntnis für den Wert der Familie ablegen.

Pavel Jerabek ist Vorsitzender des Familienbundes der Katholiken im Bistum Augsburg. Michael Widmann ist stellvertretender Vorsitzender des Familienbundes im Bistum Augsburg.