Identität und Ausgrenzung
Unsere Freiheit liegt im Aushalten der Spannung

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Österreichische Angehörige der Identitären Bewegung - Quelle: Wikipedia / User Ataraxis1492 (Linzenz: CC BY-SA 3.0)

Von Stefan Rochow, Experte im Bereich Extremismus und Radikalisierungsprävention, freier Publizist und Unternehmer

Anfang dieses Jahres veröffentlichte das Pew Research Center eine transnationale Umfrage, die sich mit der Frage der nationalen Identität befasste. Für diejenigen die im Moment das nationale Bewusstsein allerorts heraufbeschwören, dürfte das Ergebnis der Studie ziemlich niederschmetternd sein. Der Geburtsort spielt für eine große Mehrheit der Studienteilnehmer keine entscheidende Rolle für eine nationale Identität. In der Umfrage des Instituts wurden Menschen aus 14 Ländern dazu befragt, wann sie eine Person als „wahren“ Zugehörigen ihrer Nationalität anerkennen. Wichtiger als die Herkunft erschien den meisten Befragten das Beherrschen der jeweiligen Landessprache.

Nur 33 Prozent der befragten Europäer, 32 Prozent der Amerikaner, 21 Prozent der Kanadier und nur 13 Prozent der Australier glauben, dass es wichtig ist im eigenen Land geboren zu sein, um an der jeweiligen nationalen Identität teilhaben zu können. Eine Ausnahme bilden hier die Länder Griechenland, Ungarn und Japan, wo etwa die Hälfte der Befragten angab, der Geburtsort sei für das Nationalbewusstsein ausschlaggebend.

In Deutschland waren es ganze 13 Prozent der Befragten, die einen engen Zusammenhang zwischen Geburtsort und nationaler Identität sehen. Hinter Deutschland liegt lediglich Schweden mit 8 Prozent. Warum ist aber trotzdem in den letzten Jahren die Diskussion um die nationale Identität entbrannt?

Irreale Vorstellungen können zu realen Gefühlen und Handlungen führen

Das liegt in erster Linie an dem Erstarken rechter Bewegungen in Europa in den vergangenen Jahren. In Deutschland ist es nicht zuletzt die „Identitäre Bewegung“, die für politische Aufmerksamkeit sorgt. Mit Forderungen nach „ethnopluralistischer Vielfalt“ statt „kulturellem Einheitsbrei“ oder dem Äußern von Sorgen um eine kulturelle Reinheit Europas schafft sie einen Resonanzkörper bei den Menschen, die mit großen Bedenken auf die Entwicklung von Migration in den vergangenen Jahren schauen. Henry Kissinger stellte zum Jahreswechsel 2015/2016 im „Handelsblatt“ mit Recht kritisch fest: „Wenn sich die Zusammensetzung der Gesellschaft dramatisch schnell verändert als Resultat von äußeren Einwirkungen, dann wird das historische Konsequenzen haben.“ Aufgrund dieser Tatsache sollten wir es uns an der Stelle nicht zu leicht machen und so tun, als ob es diese Veränderungen in unserem Land nicht gäbe. Anklang findet Rhetorik nach Art der Identitären nicht einfach wegen eines auf linker Seite immer wieder bemühten „Alltagsrassismus“, sondern vielmehr weil sich Menschen nicht ernst genommen fühlen. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel diesen Menschen abspricht, dass sie sich Sorgen um das Land machen und stattdessen von „Kälte und Hass im Herzen“ spricht, zieht sie selber einen Trennstrich zwischen „uns“ und „euch“. Vertreten fühlen sich die Menschen nun bei der AfD, bei völkischen Radikalinskis oder eben auch bei den Identitären. Dadurch wird die Zuwanderungsdiskussion wird aggressiv und nationalistisch aufgeladen und in eine äußerst bedenkliche Richtung gelenkt.

Reden wir von der Migrationsthematik, dann kommen wir gar nicht darum herum, auch über die Stabilität unserer Gesellschaft, die Zukunft unseres Sozialstaates und über die prägende Kultur unseres Landes zu sprechen. Diese Debatte wird aber nur von Vertretern etablierter Parteien oft nur sehr schamvoll geführt und im schlimmsten Fall wird die Notwendigkeit einer solchen Diskussion schlichtweg negiert. Rechtsradikale und Populisten locken daher mit ihrem Gedröhne Menschen an.

Wenn man das alles mit Rassismus erklären möchte, dann muss man diesen Begriff so dehnbar machen, dass das Kernphänomen so einer Gesinnung dabei aus den Augen geraten würde. Man muss vermutlich einfach zur Kenntnis nehmen, dass die viele Zuwanderung in kurzer Zeit bei vielen Menschen den Eindruck hinterlassen hat, dass sie fortan in Deutschland nicht mehr zu Hause oder beheimatet sind. Ob dieser Eindruck nun stimmt oder nicht ist an dieser Stelle erst einmal zweitrangig. Irreale Vorstellungen sind durchaus geeignet, reale Gefühle und Handlungen auszulösen – Handlungen und Gefühle, die aufgrund der offenbaren Sprachlosigkeit im öffentlichen Raum im Moment in Bahnen kanalisiert werden, die dem Zusammenhalt unserer Gesellschaft abträglich sind. Wie realistisch ist am Ende aber die Debatte um die Identität?

Ohne Leitbild wird Debatte an den Rändern aufgeladen

Identität ist erst einmal eine Selbstbeschreibung von dem, was einen persönlich ausmacht. Gleichzeitig knüpft sie an der Identität anderer an, wodurch sich dann Einzelne einer Gruppe zugehörig fühlen. Der Einzelne findet in dieser Gruppe seine Meinungen und seine Werte wieder, das gibt ihm Halt und Orientierung. Von kultureller Identität spricht man, wenn der Einzelne sich selbst aufgrund kultureller Eigenschaften als einer Gruppe zugehörig empfindet.

Insofern kann man nicht leugnen, dass eigene Identität und kultuerelle Identität Faktoren sind, die gerade in einer pluralistischen und multiethischen Gesellschaft eine große Rolle spielen. Allerdings, und das ist dann vermutlich der entscheidende Abgrenzungspunkt zu Bewegungen wie die Identitären, kann diese Identität nichts Ausgrenzendes haben. Vielmehr besteht die Herausforderung darin, einen Konsens für unsere Gesellschaft zu entwickeln.

Solange nicht endlich eine ernstzunehmende Debatte über ein Leitbild für Deutschland geführt wird, wird die Auseinandersetzung um einen richtigen Umgang mit Integration und Migration eine Diskussion bleiben, die entsprechend aufgeladen an den politischen Rändern unserer Gesellschaft geführt wird. Wir brauchen eine Debatte darüber, welchen gesellschaftlichen Konsens und welche geltenden Werte es in unserer Gesellschaft gibt. In einem Land, das immer vielfältiger wird, sich aber nur bedingt traut, diese Realität anzuerkennen, ist eine Wertedebatte unumgänglich. Darüber hinaus bedarf es aber mehr als nur eines Gedankenaustausches – es geht darum, sich endlich auch einmal für das Gegenüber zu interessieren.

Gerade in diesem Bereich haben die Medien immer noch einen großen Nachholbedarf. Immer wieder werden dort jene weit verbreitenden Stereotypen bedient, die am Ende den Menschen Munition liefern, die Probleme mit einer offenen und pluralen Gesellschaft haben. Wenn Medien zum Beispiel einen Bericht über Türken in Deutschland machen, dann sollten sie wissen, dass nur 25,1 Prozent der türkischen Musliminnen in Deutschland immer ein Kopftuch tragen. Das Bild einer Frau mit Kopftuch ist damit für Türken in Deutschland kaum repräsentativer als ein Dirndl oder ein Trachtenjanker in einem Bericht über das oberbayerische Voralpenland.

Rückzug auf Zugehörigkeitsbedürfnis

Die Mehrheit der Deutschen, das steht außer Frage, sind bereit andere Kulturen und Religionen zu akzeptieren. Sie erkennen aber gleichzeitig das Konfliktpotential, das in der Konfrontation mit dem Fremden liegt. Diese Ambivalenz unter einen Hut bringen und beide Punkte zusammenfügen zu können, das ist der Mehrheit nicht möglich. Wahrscheinlich gibt es in dieser Sache auch überhaupt keinen Königsweg und – wie bei anderen Dingen im Leben auch – müssen wir diesen Widerspruch aushalten.

Wer – im Sinne der Identitären – jedoch Ab- und Ausgrenzung als Zukunftsmodell für unsere Gesellschaft versteht und propagiert, liegt völlig falsch. Viele derer, die so denken, sind nicht in der Lage mit Spannung umzugehen und ziehen sich deshalb auf ihr Bedürfnis zurück, einer Gruppe zuzugehören. Jeder Gemeinschaft liegt aber das Spannungsverhältnis zwischen Kooperation einerseits und Eigeninteresse andererseits zugrunde. Der Vorschlag jener Leute, die es zu schwierig finden, diese Spannung, dieses Sowohl-als-Auch auszuhalten, besteht darin, die Spannung abzuschaffen, indem zugunsten einer Gruppenzugehörigkeit auf die Anerkennung der Würde des Einzelnen – insbesondere jenes Einzelnen, der dieser Gruppe nicht angehört – verzichtet werden soll. In diesen Spannungen, der identitären zwischen Individuum und Gemeinschaft einerseits und zwischen Beharrung und dem Wunsch nach Veränderung der Gesellschaft, liegt unsere politische Freiheit. Wer mit falschen Sirenentönen für die Auflösung dieser Spannung plädiert, möchte am Ende die Freiheit abschaffen.

Stefan Rochow
Über Stefan Rochow 1 Artikel
Jahrgang 1976. Ist freier Journalist und Inhaber einer Medienagentur. Er arbeitet in Schwerin. Als Experte für politischen Extremismus und Radikalisierungsprävention arbeitet Stefan Rochow als freier Mitarbeiter beim Zentrum Demokratische Kultur (ZDK) in Berlin und ist bundesweit gefragter Referent und Gesprächspartner (zahlreiche Vorträge und Lesungen – Interviews in Printmedien, Radio und Fernsehen).