Norbert Blüm im Interview
„Die Menschlichkeit ist nicht umsonst zu haben“

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Von 1982 bis 1998 war Norbert Blüm Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung. Bildrechte: Westend Verlag Frankfurt am Main

Wie kaum ein anderer ehemaliger Spitzenpolitiker der CDU steht Norbert Blüm in der Öffentlichkeit für das „soziale Gewissen“ seiner Partei. Alexander Saller führte im November ein Interview mit dem bekennenden „linken Konservativen“.

Herr Dr. Blüm, wie beurteilen Sie das Scheitern der Jamaika-Gespräche?

Das beurteile ich als schlecht, weil das ein schlechtes Ergebnis ist. Nach so langer Verhandlungszeit die Brocken hinzuwerfen, das habe ich nicht verstanden. Wenn es wirklich an einem Mangel an Vertrauen gelegen hätte, wie Lindner sagt, hätte man nicht 60 Tage dafür gebraucht. Das kann man früher feststellen. Auf mich wirkt der Abbruch sehr gekünstelt.

Was bedeutet das Ende der Gespräche für CDU und CSU?

Dass man eine neue Regierung suchen muss, eine andere. Das ist keine Katastrophe. Die Welt besteht aus ganz anderen Katastrophen. Wir müssen mit unseren Problemen fertig werden – und das werden wir auch. Gemessen an den Problemen, die die Welt zu bieten, leben wir gerade auf einer Insel der Wohlgeordnetheit.

Wie bewerten Sie es, dass es sich beim Ergebnis der Bundestagswahl für die Union um das zweitschlechteste Resultat in der Geschichte der Bundesrepublik handelt?

Ich möchte darauf aufmerksam machen, falls das übersehen wurde, dass CDU und CSU die Bundestagswahl gewonnen haben, dass sie die stärksten Parteien sind – mit einem Ergebnis, für das Sie in den meisten europäischen Ländern gefeiert würden. Wir haben Stimmen verloren, aber vergessen Sie nicht, dass sich diesmal die Wählerstimmen auf fünf Parteien verteilt haben. Ich habe in der Mengenlehre gelernt, dass die Teilstücke des Kuchens kleiner werden, wenn mehr Teilnehmer ihn essen. Wenn man Stimmen verloren hat, muss man sich immer fragen, was man besser machen kann, aber wir hängen unser Fähnchen doch nicht nach dem Wind. Dieses genussvolle Herunterschreiben von Merkel und der CDU geht mir auf den Keks. Das sind die bekannten Modewellen! Einer sagt etwas und hundert müssen es dann nachschreiben. Jetzt heißt die neue Modewelle „Die Zeit der Frau Merkel ist zu Ende!“. Ich kenne weder in der CDU noch sonst irgendwo jemanden, der als Kanzler mehr Zustimmung hat. Wieso wird da immer so getan, als würde man am Grab von Frau Merkel stehen?

Während der Verhandlungen Ihrer Partei mit FDP und Grünen haben Sie sich in einem Gastbeitrag für die FAZ sehr vehement gegen eine Aussetzung des Familiennachzuges für Flüchtlinge mit eingeschränktem Schutzstatus ausgesprochen. Warum ist Ihnen der Familiennachzug ein so wichtiges Anliegen?

Für mich ist die Familie einer der großen Stabilisatoren der Gesellschaft. In einer wildgewordenen Welt brauchen wir diese Stabilisatoren dringend. Nach der christlichen Soziallehre, der ich anhänge, ist die Familie ein Grundelement der Gesellschaft. Wenn das so ist, und unser Grundgesetz bestätigt das in Artikel 6, der die Familie unter den besonderen Schutz des Staates steht, dann gilt das allerdings nicht nur für Deutsche, sondern für alle Menschen. Im Grundgesetz steht nicht der Schutz der deutschen Familie, sondern Familie. Die christliche Soziallehre schützt nicht nur deutsche Familien, sondern allgemein die Familie als das Zusammensein von Mann und Frau und Kindern. Das ist das Natürliche auf der Welt, mancherorts vergessen. Mann und Frau gehören zusammen und Kinder gehören zu ihren Eltern. Das gilt auch für Flüchtlinge! Wenn eine Gesellschaft, die auf sich so stolz ist und die im allgemeinen Wohlstand lebt, 60.000 Familienangehörige nicht aufnehmen kann, können wir den Laden wegen moralischen Bankrotts schließen. Selbst wenn es 120.000 wären, müsste die Gesellschaft das verkraften.

Immer wieder melden Sie sich zu Fragen des Themenfeldes Flucht und Migration zu Wort. Nach der Schließung der Balkanroute sind Sie in den griechischen Ort Idomeni an der mazedonischen Grenze gefahren und haben bei dort campierenden Flüchtlingen übernachtet. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Man darf sich nicht abfinden mit dem Elend der Welt. Nur hinzugehen und die Menschen zu bedauern würde mich allerdings an exotische Fahrten von Touristen erinnern. Wenn man hingeht, muss man auch das Schicksal der Leute teilen. Das ist gemessen, an dem, was die Flüchtlinge zu ertragen haben, ein Klacks. Ich war da eine Nacht. Die Menschen lagen in dem Schlamm wochenlang, zum Teil mit kleinen, gerade geborenen Kindern. Da schäme ich mich, dass in unserer Zivilisation so etwas überhaupt noch möglich ist und Menschen sich damit abfinden! Ich finde mich damit nicht ab.

In einem Interview im vergangenen Jahr sagten sie im Kontext der Migrationsdebatte, Barmherzigkeit kenne keine Obergrenze. Wer die Barmherzigkeit „nicht überlasten“ wolle, brauche mehr Gerechtigkeit in der Welt. Was bedeutet das konkret?

Dass wir beispielsweise den Kriegstreibern und Ausbeutern das Handwerk legen. Machtlos sind wir nicht! Wenn ich das richtig sehe, schießt der Islamische Staat nicht mit Pfeil und Bogen, sondern mit modernsten Waffen. Und die kommen nicht aus dem Kongo, sondern aus Europa. Man sieht in IS-Werbefilmen sogar Waffen, auf denen „Made in Germany“ steht. Der amerikanische Geheimdienst zapft sogar Kanzler-Telefone an. Da wird er wohl herauskriegen können, wer die Waffenhändler sind. Der Islamische Staat verkauft auch Öl und hat auch gute Kunden. Mit den Geld aus den Öl-Verkäufen kauft er Waffen und schießt auf die, die ihm das Öl abgekauft haben. Ist die Welt eigentlich verrückt geworden? Bin ich unter Idioten?

Der Untertitel Ihres in diesem Jahr im Herder-Verlag erschienenen Buches „Verändert die Welt, aber zerstört sie nicht“ stellt Sie als „linken Konservativen“ vor. Wie würden Sie einen linken Konservativen wie Norbert Blüm beschreiben? Was sind seine zentralen Anliegen?

Ich definiere konservativ so, dass man im Zweifelsfall das Bestehende bewahrt. Das Neue hat die Beweislast. Der Spatz in der Hand ist mir lieber als die Taube auf dem Dach. Wenn einer, wie ich, die Welt verändern will, muss er immer beweisen, dass das Neue besser ist. Ich gebe das Alte nicht vorschnell auf. Das ist der konservative Ansatz. Und der linke Ansatz heißt „Im Zweifel immer für die Schwächeren“. Wenn diese beiden „Vorfahrtsregeln“ – im Zweifel für das Bestehende und im Zweifel für die Schwächeren – in Konflikt geraten, gilt Vorfahrtsregel zwei vor eins, also: im Zweifel für die Schwächeren.

Welche Bedeutung hat der „linke Konservatismus“, wie Sie ihn vertreten, im Bereich Familienpolitik?

Da bedeutet das erstens, dass man die Familie gegen Beliebigkeit schützen muss, gegen Auflösungserscheinungen. Dass die Ehe von ihrer Zielsetzung her auf Lebenszeit angelegt ist und keine Transithalle ist und zweitens, dass die Kinder Eltern brauchen und der Staat die Eltern nicht ersetzen kann. Das ist der konservative Teil. Der linke Teil ist, dass die Familie auch in der Lage sein muss, ihre Aufgaben zu erfüllen, dass die Familie auch von denen unterstützt werden muss, die keine Kinder haben. Die Kinder werden nämlich diejenigen im Alter mitbezahlen, die keine Kinder haben.

Was bedeutet es in der Arbeitsmarkt-, Wirtschafts- und Sozialpolitik, ein linker Konservativer zu sein?

Da bedeutet konservativ erstens, dass die Arbeit zum Menschen gehört und wir uns nicht auf eine Welt einlassen dürfen, in der die einen Arbeit haben und die anderen durch Unterstützung mitgeschleppt werden. Das Recht auf Arbeit ist ein Menschenrecht. Zweitens: Die Arbeit wird sich sehr verändern. Die Digitalisierung wird fortschreiten. Da werden wir uns fragen müssen, wie die digitale Gesellschaft aussehen soll, ob da für den Menschen noch Platz ist. Wenn wir das Internet der Dinge so weit treiben, dass die Dinge anstelle von uns die Entscheidungen über uns treffen, dann macht die Technik den Menschen überflüssig. Ein Krankenhaus mit Robotern statt Pflegern ist nicht mein Krankenhaus. Ich möchte nicht vom Roboter gesagt bekommen, ob ich Krebs habe und ich möchte auch nicht vom Roboter den Puls gefühlt bekommen. Ich hätte es lieber mit Menschen zu tun. Da muss man allerdings auch bereit sein, die zu bezahlen. Die Roboter sind billiger. Wenn aber Geld das einzige ist, dann müssen wir Roboter einstellen. Für mich ist aber Geld nicht das einzige. Die Menschlichkeit ist nicht ganz umsonst zu haben!

Neben den sozialen Anliegen zieht sich Ihr Bekenntnis zur politischen Einigung Europas wie ein roter Faden durch ihre öffentlichen Wortmeldungen. Was ist Ihnen in diesem Zusammenhang besonders wichtig?

Der Nationalstaat hat ausgedient. Er ist bestenfalls zweihundert Jahre alt. Die längste Zeit Europas kannte man ihn gar nicht. Wir haben ständig Krieg geführt. Ich kann nicht erkennen, dass diese zweihundert Jahre Nationalstaat besonders glückliche Jahre waren. Wir haben allein zwischen 1870 und 1939 dreimal Krieg und zwar zwischen Deutschland und Frankreich geführt. Da haben sich die Völker die Köpfe blutig geschlagen. Nach diesem Nationalstaat habe ich überhaupt kein Heimweh! Die Grenzen müssen in Europa fallen. Wir brauchen eine europäische Regierung. Und gleichzeitig brauchen wir eine Stärkung der Heimat. Dieses Europa, das ich mir wünsche, das stark und kräftig ist, sollte sich in die kulturellen Fragen der Regionen nicht einmischen. Europa soll nicht bestimmen, wie die Ölflaschen in den Wirtshäusern beschaffen sind. Das ist ein bürokratischer Imperialismus, den ich nicht mag. Der Nationalstaat wird Aufgaben nach oben – an Europa – und nach unten – an die Regionen und Kommunen abgeben müssen.

Wie erklären Sie sich das Hoch des nationalistischen Populismus, das wir in Europa gegenwärtig erleben?

Alle, die noch nicht 72 Jahre alt sind, haben noch nie Krieg erlebt. Die Kriegsgeneration hat wohl mehr Sinn für Europa gehabt, weil sie aus den Erfahrungen der nationalen Kriege gelernt hat. Wir haben nach dem Krieg Grenzen eingerannt. Ich war auf Kundgebungen, wo rund um den Redner Kriegsverletzte aus allen europäischen Ländern standen. Damit war der emotionale Grund für ein vereintes Europa viel existenzieller als heute. In Wohlstandsgesellschaften ist offenbar die Versuchung groß, dass jeder nur an sich denkt. Aber das ist nicht Welt, in denen ich meine Enkel zurücklassen möchte.

Was muss die etablierte Politik Ihrer Meinung nach tun, um den Bann des Populismus zu brechen?

Den Kampf aufnehmen! Denen nicht nach dem Mund reden, sondern eine offensive Auseinandersetzung führen. Adenauer hat sein Europa auch nicht durchgesetzt unter dem Jubel der Meinungsbefragungen. Der hat die Montanunion durchgesetzt. Er wollte eine Europäische Armee. Adenauer hat Europa gegen die wütenden Angriffe der Nationalisten verteidigt. Er hat die Bundeswehr in den Westen integriert. Das war alles nicht sehr populär. In der Demokratie geht es um Zustimmung und um Zustimmung muss gekämpft werden. Im Schlafwagen erreichen wir unsere Ziele nicht!

Was raten Sie jungen Menschen, die heute in unserer Gesellschaft politische
Verantwortung übernehmen möchten?

Sie sollen in Parteien gehen und die Parteien aufmischen. Und sie sollen für Europa kämpfen. Sie sollen dafür kämpfen, dass wir in Europa nicht wieder Grenzen errichten und sie sollen kämpfen für mehr Gerechtigkeit.

Blüms neuestes Buch (2017 erschienen)

Norbert Blüm, geboren am 21. Juli 1935 in Rüsselsheim, ist gelernter Werkzeugmacher. Nach dem Besuch eines Abendgymnasiums studierte er in Bonn Philosophie, Germanistik, Geschichte und Theologie. 1967 erfolgte seine Promotion zum Dr. phil. mit der Arbeit „Willenslehre und Soziallehre von Ferdinand Tönnies. Ein Beitrag zum Verständnis v. ‚Gemeinschaft und Gesellschaft“. Seit 1950 ist Blüm Mitglied der CDU. 1969 wurde er Mitglied des Bundesvorstandes. Von 1981 bis 2000 gehörte er dem Präsidium seiner Partei an. 1982 bis 1998 war er Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung, 1987 bis 1998 CDU-Vorsitzender in Nordrhein-Westfalen, 1972 bis 2002 Mitglied des Bundestags und 1977 bis 1987 Vorsitzender der CDU-Sozialausschüsse. Seit 1964 ist er verheiratet mit der Kunstmalerin Marita Blüm. Das Paar hat drei Kinder. Norbert Blüm erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Buchveröffentlichungen u.a.: „Aufschrei – wider die erbarmungslose Gesellschaft“ (Westend Verlag Frankfurt am Main, 2016) und „Verändert die Welt, aber zerstört sie nicht – Einsichten eines linken Konservativen“ (Verlag Herder Freiburg im Breisgau, 2017).