Da simmer dabei, dat is prima? Zum Verhältnis von Kirche und Karneval

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Von Dr. Josef Bordat, Redakteur der katholischen Zeitung „Die Tagespost“ und Blogger

Die Kulturgeschichte des Karneval beginnt vor 5000 Jahren. Am Beginn der Zivilisation steht gewissermaßen der Karneval, und zwar in Mesopotamien, im Zweistromland, im Land der ersten urbanen Kulturen. Eine altbabylonische Inschrift aus dem dritten Jahrtausend v. Chr. gibt Auskunft darüber, dass unter dem Priesterkönig Gudea ein siebentägiges Fest gefeiert wurde und zwar nach Neujahr als symbolische Hochzeit eines Gottes. Die Inschrift besagt: „Kein Getreide wird an diesen Tagen gemahlen. Die Sklavin ist der Herrin gleichgestellt und der Sklave an seines Herrn Seite. Die Mächtige und der Niedere sind gleichgeachtet.“ – Das ist eine gute Definition des Karneval: Jeder Jeck ist anders, aber alle machen mit. Oben und unten verschwimmen.

In allen frühen Kulturen des Mittelmeerraumes lassen sich ähnliche Feste nachweisen: In Ägypten feierte man ein ausgelassenes Fest zu Ehren der Göttin Isis und die Griechen veranstalten es für ihren Gott Dionysos und nennen es Apokries, was eben genau die Bedeutung von carne vale hat, nämlich „Fleisch vorbei“. Auch in Rom feierten die Sklaven mit ihrem Herrn, man saß zusammen am Tisch, trank und aß nach Herzenslust und konnte jedes freie Wort wagen. Zugleich überschüttete man sich mit kleinen Rosenblütenblättern; daran erinnert heute noch das Konfetti.

Woher kütt de Zoch? Kontinuitäts- und Katholizitätsthese

Jetzt gibt es zwei unterschiedliche historische Erklärungen dafür, warum wir heute immer noch Karneval feiern. Die eine, man könnte sie Kontinuitätsthese nennen, geht davon aus, dass die antiken, insbesondere römischen Festbräuche in den besetzten Gebieten tradiert wurden. Das Rheinland war damals von den Römern besetzt, die bis zum Rhein kamen und sich dort über Jahrhunderte ansiedelten. Dann kamen die Franken (455) und Germanen im frühen Mittelalter bis zum Reichsgründung (800). Das Gebiet wurde christianisiert, Köln wurde wichtige Bischofsstadt – und ist es, bis heute. Dann, so die These, hätten die neuen Christen die alten Bräuche übernommen.

Diese Erklärung wird heute zunehmend angezweifelt, weil es zwischen dem Ende der Römer-Herrschaft im 5. Jahrhundert und dem Wiederaufleben des Karnevals im 12. Jahrhundert doch eine große zeitliche Lücke gibt. Die andere Erklärung, die man Katholizitätsthese nennen könnte, geht davon aus, dass der Karneval in der heutigen Form sehr eng mit der Fastenzeit zusammenhängt, also als Teil des Kirchenjahres gesehen werden muss. Das wäre dann eindeutig ein christlich-katholischer Zusammenhang.

Das erklärt freilich nicht die Tatsache, dass der Rhein die Geister des Karnevals scheidet, dass also linksrheinisch gefeiert wird (Köln, Düsseldorf) und rechtsrheinisch, vor allem dann in Westfalen (Münster, Paderborn), nicht ganz so groß. Dieser Umstand könnte mit der unterschiedlichen Mentalität erklärt werden, also gewissermaßen ethnologisch, und natürlich auch damit, dass Köln und Düsseldorf Großstädte sind, die ein ganz anderes Potential freisetzen können bei den Feierlichkeiten.

Dass es in dem nach 1500 protestantisch werdenden Raum keinen Karneval in der Form gibt, passt ins Bild, denn der wurde in dem Maße zurückgedrängt, in dem auch die Fastenzeit oder das Fasten überhaupt in Frage gestellt wurden, als Bußübung, die zu sehr an katholische Werkgerechtigkeit zu erinnern schien. Das würde diese zweite Erklärung also stützen. In diesem Sinne könnte man von einem antiken Karneval sprechen (von 3000 v. Chr. bis 500 n. Chr.) und von einem katholischen Karneval (von 1100 n. Chr. bis heute).

Der liebe Gott? Längst aus der Kirche ausgetreten!

Der Karneval heute mag katholisch sein, doch das Verhältnis zwischen Kirche und Karneval ist angespannt. Dies drückt der Narr selbst aus, wenn er von sich sagt, er sei zwar „streng katholisch, habe aber mit der Kirche nichts am Hut“. Der Karneval gibt uns damit auf seine Art die Frage zur Beantwortung auf, ob die Kirche tatsächlich die Botschaft Jesu in der Welt und für die Welt, die ganze Welt, nicht nur verwaltet, sondern auch erfahrbar macht, das ist ja ihre Aufgabe, die Aufgabe der Kirche, oder ob vielleicht wahr ist, was so mancher Narr vermutet, dass nämlich Gott längst aus der Kirche ausgetreten sei.

Viele Witze, in denen der Papst, der Vatikan und andere Würdenträger vorkommen, und zwar eher wenig vorteilhaft, thematisieren die innerkirchliche Spannung von göttlich-überzeitlichem Auftrag mit den Gegebenheiten dieser Welt. Das „in der Welt sein“, aber nicht „von der Welt sein“ wird als problematisch entlarvt, indem es immer wieder in Richtung eines Übergewichts allzu weltlicher Erscheinungen innerhalb der Kirche aufgelöst wird und damit Themen wie Geld oder Macht offen und vor dem Hintergrund des kirchlichen Selbstverständnisses eben auch sehr kritisch verhandelt werden.

Mit der scharfen Kontrastierung von Anspruch und Wirklichkeit innerhalb der Kirche bewegt sich der Karneval zwischen Affirmation (insoweit er das ideale Maß ernst nimmt) und Kritik (insoweit er das menschliche Scheitern anprangert). Auch dort, wo z. B. das Liedgut eher affirmativ ist, läuft es den gängigen theologischen Vorstellungen zuwider. Andererseits antizipiert der Narr vielleicht auch nur mögliche Veränderungen in der kirchlichen Morallehre.

De Höhner und Bläck Fööss – Affirmativer Gottesbezug

Ein Beispiel. In einem Lied der Gruppe De Höhner heißt es: „Der liebe Gott weiß, dass ich kein Engel bin / so’n kleiner Teufel steckt doch in jedem drin / Der liebe Gott weiß, dass ich kein Engel bin / das mit dem Himmel, das kriegen wir schon hin!“ Es geht um die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes, der den sündigen Menschen kennt und akzeptiert. In einem anderen, sehr bekannten Lieder von De Höhner heißt es: „Da simmer dabei! Dat is prima! Viva Colonia! / Wir lieben das Leben, die Liebe und die Lust / Wir glauben an den lieben Gott / und hab’n noch immer Durst.“

Dann wird es aber in den Texten auch konkreter, der Teufel steckt im Detail: In dem Engelslied wird zu „wilder Ehe“ aufgerufen und das Konzept der Treue süffisant auf den Kopf gestellt („Ich leb für die Liebe und bin allen Frauen treu / und dass man dafür in die Hölle kommt, das wär mir neu“). In Viva Colonia heißt es: „Mer han dä Kölsche Klüngel un Arsch huh – su heiß’ et he! / Alaaf op Ruusemondaach un Aloah CSD / Mer sin multikulinarisch – mer sin multikulturell / Mer sin in jeder Hinsicht aktuell – auch sexuell!“ Hier wird also – entgegen der katholischen Position – dem Zeitgeist gehuldigt und der Stolz darauf zum Ausdruck gebracht, „modern“ zu sein, oder wie es hier heißt: „aktuell“.

Es ist der anthropomorphisierte „liebe Gott“, der „liebliche Gott“, der den Karneval prägt, dessen Liebe zum Menschen keine Wünsche offen lässt, auch nicht den nach mehr Zeit, wie die Gruppe Bläck Fööss meint: „Leever Jott, jevv uns Zick, für uns läuf e Johr vill zo flöck / ding himmliche Uhr, die läuf stur immer wigger. / Jrad noch Silvester jefiert, ze Ostern e Ei bunt lackiert, / et Föttche verbrannt em Sand, schon steit et Christkind vür d‘r Dür.“ Die Bläck Fööss trauen sich aber auch heiter an die Eschatologie heran. In ihrem Lied Ein Leben nach dem Tod heißt es: „Ob du Christ bist oder Moslem / schwarz bist oder rot / es gibt ein Leben, / ein Leben nach dem Tod.“

Karnevalsschlager und Büttenreden weisen vielfach einen religiösen Bezug auf, spielen mit theologischen Konzepten, deuten sie um, gehen allerdings nicht so weit, sie vollständig zurückzuweisen. Wenn De Höhner oder Bläck Fööss von Gott sprechen, vorzugsweise vom „leeve Jott“, dann geht es nicht um blasphemische Verspottung, sondern um durchaus affirmative Bezugnahme. Man zeigt sich katholisch, weil man halt katholisch ist. Nur mit der Kirche – da hapert es manchmal.

Dr. Josef Bordat, Betreiber des Blogs „JoBo72“, arbeitet seit November 2017 als Online-Redakteur für „Die Tagespost“. Er ist Autor mehrerer Bücher. Zuletzt erschien „Von Ablaßhandel bis Zölibat. Das ‚Sündenregister‘ der Katholischen Kirche“ (Lepanto-Verlag).