Bestsellerautorin Birgit Kelle über Mutterschaft: Bis zum letzten Atemzug

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Im vergangenen Jahr veröffentlichte Birgit Kelle ihr drittes Buch "Muttertier - Eine Ansage" (Fontis-Verlag) | Bild: Kerstin Pukall (Hamburg)

Mutter zu werden ist nicht rational. Es ist eine Sehnsucht, ein Wagnis, vielleicht die größte Aufgabe, der man sich als Frau stellen kann. Einem anderen Menschen das Leben schenken. Das ist ein derart gewaltiges Unterfangen, dass man diese Worte vor Ehrfurcht flüstern müsste. Leben in mir. Ich kann kaum in Worte fassen, was dieser Moment einst in mir aus löste, als ich das erste Mal mein Kind in mir spürte. Ein zarter Windhauch. Dieser Wim ­ pernschlag der Geschichte, von der Leichtig­ keit eines Schmetterlingsflügels. Es war kaum spürbar, sacht und doch so mächtig. Mir wurde heiß und kalt, mein Herz raste, und ich wusste: Hier ist Leben. In mir.

Symbolbild

Wie soll man das jemandem beschreiben, der das noch nie gefühlt hat? Erklär einem Blinden die Farben. Mütter verstehen, was ich meine, wir sind Schwestern der Erfahrung. Der Wunsch, in die Zukunft zu reichen, etwas Lebendiges zu hinterlassen, das über uns hinausweist, ist größer als der Verstand. Die Frage der Fortpflanzung folgt, wenn überhaupt, einer kosmischen und keiner menschlichen Logik, aber ganz sicher nicht einer Erörterung von Pro und Kontra. „Gott sei Dank!“, will man da ausrufen. Was wäre aus der Menschheit geworden, würde die Frage, ob wir Kinder bekommen nur rationalen Gedanken oder dem vielzitierten Zeitgeist folgen? Oder gar den Vorstellungen kinderloser Feministinnen, die in jedem sich wölbenden Bauch die dunklen Wolken drohender Unter drückung am Horizont heraufziehen sehen? Es gibt viele Momente in meinem Mutterdasein, die ich nie vergessen werde. Niemals. Man könnte mich nachts wecken, und ich könnte es auf Knopfdruck erzählen. Wie etwa von dem Tag, an dem ich mich selbst erkannte. Im Gesicht meines dritten Kindes. Irritation. Gefühlschaos. Erst nach einer Weile habe ich begriffen, wodurch es in mir ausgelöst wurde: Ich hatte mich gesehen. Meine Linie. Meinen Stammbaum. Meine Familie. Die kurze Ahnung von Ewigkeit.

„Mein Mutterdasein hat mir Seiten an mir  selbst offenbart, die ich im Buch meines Lebens bislang nicht kannte.“

Muttergefühle. Sie sind unmodern und unvernünftig. Anstrengend, sie fesseln einen, man wird sie nicht los. Manchmal auch dann nicht, wenn es Zeit wäre, sich zu lösen. Gerade dann nicht. Wie sollten wir auch als Mütter? Diese Kinder sind ein Teil von uns. Gewachsen in unserem Körper. Wir nabeln sie zwar im Kreißsaal ab, es bleibt aber eine theoretische Betrachtungsweise, denn das Muttersein legt man nicht ab. Es ist keine Phase, nichts, was man delegiert oder dekonstruiert. Es ist ein Teil von uns. Wir stellen uns schützend vor unsere Kinder, wir verteidigen sie auch dann, wenn alle anderen sie längst aufgegeben haben. Auch die anstrengenden und die nervigen, die lauten und die ungezogenen. Ich weiß nicht, was passieren muss, bis eine Mutter ihr Kind fallen lässt. Oder verleugnet. Mir ist noch keine Mutter begegnet, die das getan hat. Mein Mutterdasein hat mir Seiten an mir selbst offenbart, die ich im Buch meines Lebens bislang nicht kannte. Das Muttertier in mir schläft nie. Es hat mich aufmerksamer gemacht. Und auch gefährlicher. Animalisch, instinktiv. Fass mein Kind an, und du bist tot.

„Keine Karriere dieser Welt kann mir den triumphierenden Blick eines Kindes ersetzen, das das erste Mal aufrecht gestanden hat.“

Ich hab keine Kinder für die Rente bekommen und auch nicht, um den demografischen Wandel aufzuhalten. Sondern weil ich gerne Mutter bin. Weil es mir Freude bereitet, diese Kinder ins Leben zu begleiten. Weil sauber­sicher­satt nicht ausreicht, um ein Kind großzuziehen. Mir nicht und den Kindern auch nicht. Ich bin froh, dass das erste Wort meiner Kinder „Mama“ war und nicht „Sabine“ aus der Kita. Ich bin froh, dass ich dabei war und man mir nicht davon erzählen musste. Ich lache mit, wenn sie lachen, und ich tröste, wenn sie weinen. Ich kann gar nicht anders. Ich war nicht nur beim ersten Atemzug, sondern auch beim ersten Schritt dabei. Keine Karriere dieser Welt kann mir den triumphierenden Blick eines Kindes ersetzen, das das erste Mal aufrecht gestanden hat. Und deswegen bin ich es leid, mir gute Ratschläge von Ahnungslosen anzuhören. Ich habe keine Zeit und keine Lust mehr, mich belehren zu lassen. Ich bin Mutter. Bis zum letzten Atemzug.

BIRGIT KELLE, 1975 in Siebenbürgen (Rumänien) geboren, widmet sich als freie Journalistin und Autorin vor allem frauen- und familienpolitischen Themen. Sie ist verheiratet und Mutter von vier Kindern. Im vergangenen Jahr erschien ihr drittes Buch „Muttertier – Eine Ansage“. Birgit Kelle war Kolumnistin des Magazins „The European“, sie schreibt für zahlreiche Print- und Online-Medien und als regelmäßige Kolumnistin für das Magazin FOCUS und die Tageszeitung DIE WELT.   Sie ist Vorsitzende des Vereins „Frau 2000plus e.V“ und einzige Deutsche im Board der „New Women for Europe“ (NWFE), eines europaweiten Zusammenschlusses von Frauen- und Familienverbänden. Sie ist außerdem stellvertretende Bundesvorsitzende des Verbandes Familienarbeit e. V. und Sprecherin des Bündnisses „Rettet die Familie“. Birgit Kelle ist Mitglied der CDU.

 

„Dieser Beitrag erschien zuerst in „Familienbunt“, der Zeitschrift des Familienbundes der Katholiken in der Diözese Augsburg (Sonderausgabe 2017).